Einführung
in das Drama Staub aus der Sahara von Clara Sauer (Regie)
Herzlich willkommen verehrtes Publikum zur Uraufführung von Staub aus der Sahara von Martha Saalfeld.
Wenn Sie hier in der Umgebung leben, dann kennen Sie Martha Saalfeld vielleicht bereits.
Denn Sie war eine pfälzische Schriftstellerin, die hier gelebt und gewirkt hat. Sie wurde 1898 in Landau geboren und ist 1976 in Bad Bergzabern gestorben. Bekannt ist sie vor allem für Ihre Gedichte und Romane, sie hat aber auch zwei Theaterstücke geschrieben.
Vielleicht beginne ich kurz damit, wie es zu dieser Uraufführung von Staub aus der Sahara gekommen ist.
Wir sind sechs Studierende des Studiengangs Darstellendes Spiel, die sich aus Lust und Leidenschaft zur Literatur und zum Theater zusammengeschlossen haben, um Theater zu machen.
Einige von uns sind schon fertig mit diesem Studiengang, manche von uns mussten noch ihr Abschlussprojekt planen und so haben wir uns zusammengefunden und überlegt, was wir machen können und das Rahmenthema bei den Abschlussprojekten ist oft Martha Saalfeld, also haben wir uns beide Theaterstücke angeschaut, um zu schauen, können wir uns das vorstellen und Staub aus der Sahara hat uns schon beim ersten Lesen sehr zugesagt.
Staub aus der Sahara hat schon wegen der Anzahl der Figuren sehr gut zu uns gepasst: Wir haben hier Anne, eine junge alleinstehende Frau, die wir Mitte/Ende 20 geschätzt haben, und drei Männer: Robert, Pierre und Marcel, die alle sehr unterschiedlich sind. Anne verkehrt regelmäßig mit diesen drei Männern, die für ganz unterschiedliche Lebensweisen, Ideen, Perspektiven und Lebensanschauungen stehen.
Robert, der vernunftliebende mutige Herr, der im ersten Weltkrieg gekämpft hat.
Pierre, ein frommer, etwas naiver Jüngling.
Und Marcel, ein Dichter, der sich als Existenzialist schlechthin erweist.
Mit und durch diese drei Männer erprobt Anne ganz unterschiedliche Lebensweisen, erforscht ihre Existenz und scheint sich noch nicht sicher zu sein, was sie vom Leben erwartet und was es wirklich bedeutet zu leben und zu sein, als Mensch zu existieren, wer und was sie sein möchte.
Als eine existenzialistische Tragödie hat uns Staub aus der Sahara vor allem auch inhaltlich sehr fasziniert.
Martha Saalfeld hat Philosophie und Kunstgeschichte in Heidelberg studiert und das unter anderem auch bei dem Philosophen Karl Jaspers, bei dem sie auch ihre Dissertation begann, die sie aber abbrach – und für Karl Jaspers, der ja als Existenzialist bekannt ist, war es ebenso, dass man durch die tatsächliche Praxis, durch das Erproben und konkrete anwenden existenzieller Fragen zu Erkenntnis kommt: Der Mensch soll die Fragen seiner Existenz praktisch und nicht nur theoretisch erforschen, um zu Erkenntnis zu kommen und die großen Fragen des Lebens zu deuten.
Und genau das macht Anne, wenn sie mit diesen drei Männern verkehrt.
Martha Saalfeld hat eine sehr spannende Figurenkonstellation konzipiert, durch die auf faszinierende Weise ein Spannungsfeld zwischen Glaube, Wissen, Transzendenz und Immanenz, Vernunft, Phantasie, Wahrheit und Lüge, in Annes Wohnzimmer errichtet wird.
Es war uns wichtig bei der Inszenierung diese unterschiedlichen Lebensideen und Perspektiven noch stärker herauszuheben, inszenatorisch, aber auch am Text. Es wurde kaum gekürzt, im Gegenteil eher hinzugefügt, um eben diese Unterschiedlichkeit, diese unterschiedlichen Perspektiven und Anschauungen noch stärker hervorzuheben. Manche Stellen wurden etwas verändert. Aber der Stil von Martha Saalfeld, der uns sprachlich sehr zugesagt hat, der in seiner Ausdruckweise poetisch klar und schön ist, wurde dabei aber stets beibehalten.
Anne‘s Wohnzimmer wird zu einem Schauplatz der Grenzsituationen. Wir haben auch zu Beginn der Erarbeitung viel diskutiert über die Deutung des Staubs, der Sahara, der Wüste, des Zinkoxyds – welche Bedeutung hat das alles?
Die Wüste als Ort der Extreme, als Ort der Dürre, vielleicht auch ein Ort des Sterbens, ist ein Ort der Grenzsituationen. Ein Ort biblischer Bedeutung. Ein Ort, an dem man sich besinnt auf das Sein, auf das, was tatsächlich Bedeutung hat, im Angesicht des Todes, aber auch des Lebens. Und auch hier erkennen wir die Verarbeitung existenzialistischer Grundideen: Existenzialisten wie Jaspers oder Kierkegaard argumentieren dafür, dass der Mensch in bestimmten Grenzsituationen, wie Leiden, Schuld, Tod, Lust die fundamentalen Fragen seiner Existenz am stärksten erfährt. Sie fordern den Menschen heraus sich mit dem eigenen Dasein auseinanderzusetzen: mit dem Sinn des Lebens, mit der Frage nach persönlicher Verantwortung, nach Freiheit und auch der eigenen Endlichkeit.
Ebenfalls für den Existenzialismus zentral und Sie werden merken vor allem auch in Staub aus der Sahara ist die Grenzsituation der Angst. Martha Saalfeld schrieb ihre Dissertation bei Jaspers über Kierkegaards Begriff der Angst und dass Sie sich damit intensiv auseinandergesetzt hat, wird in Staub aus der Sahara sehr deutlich.
Die Idee der Angst ist ein zentrales Konzept in Kierkegaards Philosophie. Die Angst als eine existenzielle Erfahrung, die den Menschen dazu drängt, sich mit seiner eigenen Existenz auseinanderzusetzen und eine Wahl zu treffen – sich zu entscheiden. Diese Angst ist nicht nur ein psychologisches Phänomen, sondern hat Bedeutung für die existenzielle Realität des Menschen. Denn Quelle dieser Angst ist seine Freiheit: Die Möglichkeit Entscheidungen zu treffen, die Möglichkeit des Scheiterns, die Ungewissheit, all das macht die fundamentale existenzielle Erfahrung der Angst aus, die der Mensch aber erleben muss, um tatsächlich Mensch zu sein.
Wenn wir nun an Anne denken, die schon seit mindestens über einem Jahr mit drei unterschiedlichen Männern verkehrt, dann merken wir: Anne befindet sich in einer Situation des Unentschiedenen.
Nun muss ich noch einmal auf die Figur Marcel zurückkommen über die wir sehr viel diskutiert haben. Eine Figur, an der wir immer wieder Neues entdeckt haben, Altes verworfen haben.
Denn Marcel, als Künstler, als Dichter, der durch seine Phantasie, einen geistigen Raum voller Möglichkeiten besitzt, weiß um dies alles.
Er weiß, um die Bedeutung der Angst, er weiß, was es bedeutet tatsächlich frei zu sein. Er weiß, dass die Existenz der Essenz vorausgeht, dass der Mensch seine Existenz durch seine Handlungen und Entscheidungen selbst bestimmt.
Marcel hat all das verstanden. Er fordert deshalb Wahrhaftigkeit, er fordert Bewusstheit. Er fordert ganz im Sein, in der Leidenschaft, in den Facetten des Menschseins aufzugehen, in sich selbst aufzugehen, um überhaupt wahrhaftig Sein und Lieben zu können.
Er fordert ganz im Sinne Sartres radikale Freiheit, aus der eine wahrhaftige Identität entsteht, die nicht von Regeln, Normen und Ansichten der Anderen bestimmt sind.
Marcel fordert ein authentisches Ich.
Staub aus der Sahara, 1932 geschrieben, fällt, zwischen dem ersten Weltkrieg und dem aufkommenden Nationalsozialismus, historisch selbst in eine Zeit der Grenzsituationen.
Martha Saalfeld hat unter den Nationalsozialisten auch ein Schreibverbot bekommen.
Auch der Wahnsinn der Kriegseuphorie und Ideologie wird in Staub aus der Sahara aufgegriffen. Die fast unbegrenzt scheinenden Möglichkeiten des Menschen, die seine Freiheit ausmachen, machen auch das schrecklich Mögliche möglich. Auch die Darstellung des furchtbar Möglichen ist, wie sie sehen werden, in Staub aus der Sahara zentral.
Die Hölle, das sind die Anderen. Diesen Satz aus Sartres Drama Die geschlossene Gesellschaft, das aber 1944, also eine gute Zeit später veröffentlicht wurde, diesen berühmten Satz kennen Sie vielleicht. Die Hölle, das Jüngste Gericht, Schuld, Leid, Schmerz, Tod, Krieg – all das schafft der Mensch sich schon im irdischen Dasein, im Leben selbst.
All das ist auch in Staub aus der Sahara so zentral, dass schon zu Beginn der Erarbeitung des Stücks die Idee aufkam, den Höllensturz der Verdammten von Peter Paul Rubens sehr groß und zentral im Bühnenbild darzustellen. (1620)
Was hat Bedeutung in letzter Stunde?
Was hat Bedeutung im Leben?
Was hat überhaupt einen Sinn?
Was heißt es wirklich zu lieben und wirklich zu sein?
Liebes Publikum, ich freue mich sehr, dass Sie hier sind und dass sie nun ein Teil von Annes Wohnzimmer sind.
Schauen Sie sich dieses Wohnzimmer gerne genau an.
Anne liest sehr interessante Bücher, die sie nicht zufällig auswählt.
Schauen Sie sich gerne den Höllensturz der Verdammten genau an, an diesem Gemälde gibt es sehr viele Details zu entdecken.
Vielleicht noch einmal zwei kurze wichtige Hinweise:
Es ist keine Pause vorgesehen, sollte es wirklich nicht anders gehen und Sie müssen auf Toilette nutzen Sie bitte die rechte Tür. Beide Türen werden bespielt. Gehen Sie am besten vorher noch einmal.
Holen Sie sich gerne etwas zu trinken, wir schenken einen guten Whiskey aus. Auch die Getränke werden auf Spendenbasis ausgegeben
Und wir bitten Sie, Flaschen und Gläser vor Beginn der Vorstellung wieder zur kleinen Bar zurückzubringen, damit die Vorstellung nicht gestört wird.
An der Bar steht eine Spendenkasse der Fachschaft Darstellendes Spiel, zu der wir alle gehören, da dürfen Sie etwas spenden, wenn Sie möchten.
Vielen Dank und einen schönen Abend.
